Eine echte Empfehlung kann man für "Die Selbstgerechten" nicht aussprechen. Es ist dennoch ein bemerkenswertes Buch, da es auch viel Beifall im liberalen, bürgerlichen und konservativen Feuilleton gefunden hat.
Letzteres beruht wohl auf dem Trick, vor allem in der ersten Hälfte des Buches Linke, SPD und Grüne zu bashen und kein gutes Haar an den "Linken" zu lassen und hemmungslos als Nestbeschmutzer aufzutreten. Und an dieser Stelle kann man tatsächlich eine Erkenntnis gewinnen. Es regt zur Selbstreflektion an und man stellt sich die Frage, ob man nicht selbst Teil der Cancel Culture ist.
Im zweiten großen Thema "Zuwanderung" versucht Sahra Wagenknecht, sich von "rechten" Begründungen für die Ablehnung von Zuwanderung zu distanzieren, um am Ende das gleiche zu sagen: Teil der Gesellschaft wird man durch Geburt. Dass sie damit einen unauflösbaren Widerspruch zu ihren wirtschaftlichen Thesen aufstellt, scheint sie nicht zu stören und macht die ganze Argumentation wenig belastbar.
Unter dem Deckmantel dieser "konservativen" Themen ist das Buch allerdings über weite Teile ein Aufguss geradezu lächerlich weltfremder Behauptungen und Ideen zum Funktionieren von Wirtschaft. Ein typisches Beispiel: Seit den 90er Jahren haben marktwirtschaftliche Unternehmen keine Innovationen mehr hervorgebracht. Es gab keine technischen Verbesserungen mehr. Der Digitalisierung wäre mehr gedient, wenn diese in Hand staatlicher Monopolunternehmen geblieben wäre.
Wer sich noch an die Versorgung mit Telefonen und den "Service" der alten "Telefon-Post" erinnern kann und an den Schub, den Konkurrenz für den Telefon-, Handy- und Internetmarkt gebracht hat, kann bei solchen Thesen nur den Kopf schütteln.
Dieses Beispiel legt das Kernproblem von Wagenknecht offen. Sie streitet ab, dass persönliche Leistung, die auf Wissen und Innovation beruht, etwas wert ist. Sie ist geradzu technikfeindlich und verleugnet die Wirklichkeit des 21. Jh.
Das positive Echo des Buches muss weitgehend daran liegen, dass es kaum jemand bis zum Ende gelesen hat, sondern viele Rezensenten nur die Themen Cancel Culture und Zuwanderung gelesen haben, sich bestätigt fühlten und über den Großteil des Buches hinweggelesen haben.
Auch wenn es als Buchhändler schwer fällt: Finger weg von diesem Buch!
Urban, divers, kosmopolitisch, individualistisch - links ist für viele heute vor allem eine Lifestylefrage. Politische Konzepte für sozialen Zusammenhalt bleiben auf der Strecke, genauso wie schlecht verdienende Frauen, arme Zuwandererkinder, ausgebeutete Leiharbeiter und große Teile der Mittelschicht. Ob in den USA oder Europa: Wer sich auf Gendersternchen konzentriert statt auf Chancengerechtigkeit und dabei Kultur und Zusammengehörigkeitsgefühl der Bevölkerungsmehrheit vernachlässigt, arbeitet der politischen Rechten in die Hände. Sahra Wagenknecht zeichnet in ihrem Buch eine Alternative zu einem Linksliberalismus, der sich progressiv wähnt, aber die Gesellschaft weiter spaltet, weil er sich nur für das eigene Milieu interessiert und Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft ignoriert. Sie entwickelt ein Programm, mit dem linke Politik wieder mehrheitsfähig werden kann. Gemeinsam statt egoistisch.